Traumafolgestörungen: wenn das Leben im Überlebensmodus zum Stressfaktor wird

von Claudia Stadler

Angeborene Reaktionsmuster

Jeder von uns hat Situationen erlebt, in denen man mit Herzklopfen, schneller Atmung oder schwitzenden Händen dasteht und sich von einem Schreckmoment erholt. Das kann beispielsweise der Moment nach einem Beinahe-Unfall sein, bei dem man Glück hatte. Oder ein unverhofftes Treffen mit einer Person, zu der die Beziehung belastet ist oder vielleicht eine Situation, in der man spürt, dass man selbst vielleicht gegen seine Werte und Regeln gehandelt hat.

Was meldet der Körper in dem Moment?

Es herrscht höhere Aufmerksamkeit und Anspannung, weil das Gehirn eine mögliche Bedrohung wahrnimmt – der Körper stellt sich in dem Augenblick auf Flucht, Kampf oder Totstellen ein. Die rational denkenden Bereiche im Gehirn hingegen fahren kurzzeitig herunter, auch an Schlaf und Entspannung wäre in dem Moment nicht zu denken. Dieser Reflex ist normal und uns angeboren, weil er unser Überleben sichert. Er kommt aus einem der ältesten Gehirnbereiche – unserem Stammstirn.
Ist die gefühlte Gefahr hinüber, reguliert sich dieser Zustand wieder von selbst, die Atmung wird wieder langsamer, der Herzschlag normalisiert sich und die Muskelanspannung lässt wieder nach.

Wenn die Dauer- Alarmstimmung zur eigenen Blaupause wird

An Traumafolgestörungen hingegen ist zu denken, wenn diese Grundstimmung dauerhaft das Lebensgefühl bestimmt als Zustand von überhöhter Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Misstrauen, aber vielleicht auch emotionaler Taubheit. Oder wenn jemand mit dem Überlebensmuster in ständiger Hab-Acht-Stellung reagiert in Situationen, die von außen betrachtet gar nicht bedrohlich sind. Kommen zusätzlich noch Flashbacks und Alpträume von belastenden Situationen hinzu, ist eine genauere Diagnostik ratsam.
In diesen Fällen liegt die Vermutung nahe, dass eine neuronale Überlastungssituation in der Vergangenheit vorlag, die der Mensch zum damaligen Zeitpunkt nicht adäquat verarbeiten konnte. Im Moment einer psychischen Überlastung spaltet das menschliche Gehirn Teile dieser Erlebnisse  und auch die Bewältigungsmechanismen ab, die sich wie einzelne Puzzlestücke als Erfahrungswert dauerhaft festsetzen. Das können Bilder, Gerüche, Emotionen oder auch spezielle Körperpositionen, Denk- und Verhaltensweisen sein. Die einst nötige Überlebensmodus-Strategie wird damit zur dauerhaften, unbewussten Blaupause für das Denken und Tun und somit zum Stressfaktor für Körper und Psyche. Wenn diese gespeicherten Fragmente nicht kommunikativ in den Gehirnarealen verknüpft und somit verarbeitet werden konnten, kommt es zum psychischen Störungsbild. Man spricht diagnostisch dann von einer PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Die Merkmale von Traumafolgestörungen

Die ICD-10 zur Klassifizierung psychischer Störungen beschreibt eine PTBS unter anderem mit den Symptomen:

Ein- und Durchschlafstörungen, Reizbarkeit und Wutausbrüche, eine erhöhte Schreckhaftigkeit, vegetative Übererregtheit mit Vigilianzsteigerung, Alpträume und Flashbacks, emotionale Taubheit, Freudlosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen sowie die Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die eine Erinnerung an das Trauma wachrufen können.

Langzeitfolgen können auch Angst und Depression in Verbindung mit den beschriebenen Merkmalen sein, ebenso wie Suizidgedanken oder auch Suchttendenzen.

Dabei sind die auslösenden Situationen in der ICD-10 beschrieben als belastende Ereignisse von kürzerer oder längerer Dauer mit außergewöhnlicher Bedrohung oder von katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würden. Meist werden dabei erlebte Gewaltsituationen, Unfälle oder Kriegsereignisse und Naturkatastrophen als Beispiele für mögliche Ursachen genannt.

Man weiß heute aber auch, dass starke emotionale Vernachlässigungen im frühkindlichen Familienumfeld über einen längeren Zeitraum oder auch frühkindliche Bindungsstörungen ihre Spuren als Traumafolgestörungen hinterlassen können und später im Leben eines Menschen Symptome erzeugen können.

Für die Diagnostik einer Traumafolgestörung gilt: jeder Mensch hat andere Voraussetzungen, um eine derartige Belastung zu verarbeiten. Es braucht also ein großes Gespür, um echte Traumafolgestörungen gut und sicher zu diagnostizieren und zu behandeln. Nicht jeder Betroffene hat beispielsweise alle oben beschriebenen Symptome bzw. können ähnliche Symptome auch wiederum andere Ursachen haben.

Selbstregulation und eigene Ressourcen als Basis für die Integration

Wichtig ist vor der eindeutigen Diagnose einer Traumafolgestörung vor allem auch der Faktor Zeit. Treten die Symptome unmittelbar nach einer außergewöhnlichen Belastungssituation auf als Reaktion, werden sie zunächst als normale Reaktion eingestuft, sie können auch mehrere Wochen und Monate andauern, bis sie verarbeitet werden können. Je besser hier die Ressourcen für die Verarbeitung sind, umso besser kann der betroffene Mensch die Situation heilsam integrieren – und zwar körperlich, psychisch und seelisch. Wie das gelingt, liegt zum einen an den individuellen Ressourcen jedes Menschen, also an seinen Erfahrungen, aber auch an seinem Alter, seinen genetischen Voraussetzungen, seinem sozialen Umfeld und möglicherweise auch an einer schnell erfolgten Medikation und psychotherapeutischer Hilfestellung unmittelbar nach dem Ereignis. Sind die Voraussetzungen günstig, kann ein überlastendes Ereignis heilsam integriert werden, es kommt zu einer neuronalen Neuvernetzung im Gehirn und zur Erkenntnis, dass das Ereignis schlimm war, aber vorbei ist. Der Weg für eine gute Selbstregulation und der Zugang zu eigenen Ressourcen steht damit wieder offen.

Gelingt eine derartige Integration nicht und treten die Symptome erst Monate oder gar Jahre später nach einem traumatischen Ereignis auf, sind die Diagnostik und die Behandlung einer PTBS meist aufwändiger. Denn dann gilt es die immer noch aktiven Überlebensstrategien aus dem Urereignis schrittweise aufzuarbeiten in einer fundierten Traumatherapie. Es gibt viele Forschungsarbeiten (siehe Literaturhinweis unten) darüber, dass posttraumatische Belastungsstörungen - wenn sie über einen längeren Zeitraum unbehandelt sind - auch Stoffwechselabläufe im Gehirn und im hormonellen System dauerhaft verändern können. Auch chronische Verläufe und dauerhaft veränderte Persönlichkeitsmerkmale können in Einzelfällen die Folge einer langanhaltenden PTBS sein.

Behandlungsziele bei Traumafolgestörungen

Aussagen wie „Nun üben Sie sich doch mal mehr in Selbstliebe und -akzeptanz“ oder „Sie brauchen doch keine Angst vor xy zu haben“, helfen Menschen, die unter einer echten Traumafolgestörung leiden, im ersten Ansatz nicht weiter. Auch Coachingansätze in Richtung positives Denken oder Entspannungsübungen können bei einem vorliegenden, unverarbeiteten Trauma zunächst kontraproduktiv sein, weil sie diese fragmentierten Erinnerungen an das Trauma im Gehirn kurzfristig noch verstärken können, aber nicht zur integrativen Lösung beitragen.
Es braucht also Ansätze für eine Integration des Erlebten auf mehreren Ebenen. Zentral ist dabei, dass Restemotionen aus dem belastenden Ereignis abreagiert werden können und die individuelle Verknüpfung zur einst bedrohlichen Situation auf körperlicher, emotionaler und kognitiver Ebene neu erfolgen kann. Im Mittelpunkt stehen dabei meist Gefühle von Trauer, Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Scham, Ekel oder auch Überlebensschuld, die es systemisch aus Patientensicht aufzuarbeiten gilt. Gelingt die Verarbeitung, verschwinden auch wieder die Alarm-Trigger und Stressmomente im Gehirn und der Weg ebnet sich, um neues Empfinden, Verhalten und Denken, also neue Copingstrategien, für die Zukunft zu entwickeln.

Interdisziplinäre Ansätze in der Traumatherapie

Wichtig sind für die geeignete Therapieauswahl immer die Vertrauensbasis zwischen Patient und Therapeuten und auch der kritische Blick auf die Ausbildung und Erfahrung des Therapeuten.
Vom klinischen Setting, über ambulante Trauma-Ambulanzen, niedergelassene Ärzte sowie ausgebildete Therapeuten in der Heilpraxis gibt es dabei ein großes Spektrum am Markt.
Angeboten werden häufig eine Kombination aus psychotherapeutischen Therapien wie tiefenpsychologische Analysen, Verhaltenstherapien, lösungsfokussierte Kurzzeittherapien, Trauma Techniken wie Eye Movement Desensitization and Reprocessing (kurz: EMDR) oder Brainspotting, körperorientierte Ansätze, medikamentöse Verfahren und begleitende Entspannungstechniken. Aber auch Verfahren wie medizinische Hypnose werden von Ärzten und Therapeuten in der Traumatherapie angewandt. Einige Verfahren gibt es auf Leistung der gesetzlichen und privaten Krankenkassen, andere wiederum auf Selbstzahlerbasis. Die Entscheidung darüber, was im Einzelfall richtig ist, kann nur in Absprache zwischen Patienten und Therapeuten entschieden werden.

Stufenweise zurück ins aktive Leben

Eine fundierte Traumatherapie verläuft immer in drei wesentlichen Phasen. Im ersten Schritt individuelle Ressourcen gestärkt mit dem Patienten. Erst wenn der Patient ausreichend stabil ist, kann das Trauma verarbeitet werden.
Die folgende Verarbeitungsphase ist eine sensible Gratwanderung: denn der Patient muss sich einerseits dem Ereignis nochmals individuell stellen, was verschiedenartige Reaktionen nach sich ziehen kann. Andererseits sollte eine Retraumatisierung durch die Therapie und Konfrontation mit dem Ursprungsereignis vermieden werden.
Im dritten Schritt einer Traumatherapie geht es darum, das Umsetzen neuer Denk- und Verhaltensmuster einzuüben sowie Selbstvertrauen und neue Ressourcen für die Zukunft zu stärken. Hier werden beispielsweise oft auch in der Nachsorge von Traumabehandlungen kunst- und musiktherapeutische Verfahren empfohlen, Entspannungsverfahren, Bewegungstherapien, Tanztherapie, tiergestützte Therapien, Neurofeedback oder auch spezielle Coachingverfahren.

Insgesamt gilt: je früher sich Betroffene professionelle Hilfe holen, umso schneller kann ein einst belastendes Ereignis integrativ aufgearbeitet werden. Die Vertrauensbasis im Therapiesetting ist ein wesentlicher Baustein, damit der Weg als Trauma Patient zurück in die aktive und selbstbestimmte Lebensgestaltung gelingen kann.
Wer eine außergewöhnliche Belastung erfolgreich zu meistern und als Erfahrung zu integrieren versteht, hat später meistens mehr Ressourcen zur Verfügung als vorher für ein bewussteres und achtsameres Leben - man spricht auch in der Literatur von posttraumatischem Wachstum.

 

 

Weiterführende Literatur zum Thema: In diesem Artikel ist zunächst die Basis für die Diagnostik und Therapie von eigenen Traumata beschrieben. Meine Empfehlung für weitere Fachliteratur ist hier z.B.: Dami Charf, Auch alte Wunden können heilen – Wir Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wir dennoch Frieden in uns selbst finden können, 5. Auflage 202, Kösel-Verlag, München. Oder Peter A. Levine: Vom Trauma befreien: wie Sie seelische und körperliche Blockaden lösen, 12. Auflage 2020, Kösel-Verlag München. Für einen interdisziplinär-forschenden Überblick zum Thema ist das Standardwerk empfehlenswert: Bessel van der Kolk: Verkörperter Schrecken – Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. 6. Auflage 2019, G.P. Probst-Verlag GmbH, Lichtenau/Westf. 2015.

Darüber hinaus gibt es noch den Bereich der kollektiven Trauma Erlebnisse aus übergeordneten Systemen wie den Familien oder gesellschaftlichen Gruppen, die ihre Spuren über Generationen hinterlassen können. Dazu an anderer Stelle mehr.

Quellen

Foto: pexels.com/ 2489674

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