Good vibes only?

von Claudia Stadler

Good vibes only? Warum der Run nach Dauerglück auch krank machen kann und wie der goldene Mittelweg in schwierigen Zeiten aussehen kann

Selbstregulation, Selbstwert, Selbstheilung, Hypnose

Von A wie Asanas über L wie Longevity bis hin zu Z wie Zen Meditation - der Dschungel der Wellness- und Gesundheitsangebote lockt mit Glückseligkeit, positiven Vibes und Gesundheit bis ins hohe Alter. Dabei soll positives Denken als Maxime die anzustrebende Haltung sein.
Auch jede Menge Coaches, Berater, die Gesundheitsbranche und sogar wissenschaftliche Disziplinen bieten Unterstützung auf dem Weg zum Optimismus als Lebenselixier. Von den Geheimtipps auf zahlreichen Blogs, Influencer Kanälen und SoMe ganz zu schweigen.


Oft der Tenor: Think positive – oder Du gehörst nicht dazu? Wer nicht mithält, hat den Pfiff nicht gehört und wenn ein Miesepeter krank wird, ist er selbst schuld?

Toxic positivity: Wenn einem nicht zum Weinen zumute sein darf

Und da geht meiner Meinung nach das eigentliche Problem los. Mit dem (gesellschaftlichen) Druck, immer gut drauf zu sein – egal, was kommt. Und mit dem Verdrängen der Seiten im Leben, die unangenehme Gefühle auslösen wie Angst, Trauer, Wut, Kummer.
In den letzten Jahren gab es auch aus wissenschaftlichen Kreisen vermehrt Veröffentlichungen zu toxic positivity - dem Phänomen, dass die zwanghafte Optimierung und Positivdenkweise auch Schattenseiten birgt*. Das gilt sowohl für die eigenen Ansprüche an sich selbst. Aber auch in Bezug auf andere, wenn Gefühle oder Situationen von anderen Menschen bagatellisiert werden. Die Liste der zunächst harmlos erscheinenden Sprüche ist lang:

  • Steiger dich nicht rein.
  • Bleib einfach positiv.
  • Alles wird gut.
  • Don't worry, be happy.
  • Alles geschieht aus einem Grund.
  • Du wirst schon darüber hinwegkommen.
  • Es gibt Schlimmeres.
  • Sei doch dankbar dafür, anderen geht es schlechter.
  • Das Universum hat auch für Dich wieder Sternstunden bereit.
  • Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus…….

Angewandt in belastenden Situationen, stecken dahinter Verdrängung und Ablehnung der gefühlsmäßig unangenehmen Situation und letztendlich eine Abwertung des Menschen, der sie gerade durchlebt.

Stattdessen wäre ein aktives Zuhören, ein einfaches Dasein ohne Kommentar oder gemeinsame Zeit viel hilfreicher, um einem Menschen, dem es gerade nicht gutgeht, echte Unterstützung zu bieten. Denn Menschen sind soziale Wesen und regenerieren nachweislich schneller, wenn die sozialen Beziehungen tragfähig und gut sind, v.a. auch in schwierigen Situationen.

Bewältigungsstrategien für schwierigere Zeiten

Gerade in persönlichen oder gesellschaftlichen Krisensituationen, die Menschen fordern, ist es fatal, sich als Maßstab zwanghaft am Daueroptimismus auszurichten.

Weil verdrängte, negative Gefühle sich irgendwann wieder melden. Die wiederum sind übrigens häufig Gegenstand von Therapien bei psychischen Erkrankungen. Alter Kummer, Groll, nicht verarbeitete Trauer, Wut oder Ohnmacht wollen später nachbearbeitet werden und äußern sich nicht selten über Beschwerden unterschiedlicher Natur. Oft landet man dann mit den verschiedenen Therapieansätzen in einem früheren Lebensalter und bearbeitet v.a. emotional die alten Themen nach.

Gibt es einen goldenen Mittelweg?

Weder zwanghafter Optimismus, noch permanente Schwarzmalerei helfen uns weiter, den Fluss des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen zu bewältigen. Daher ein paar Gedanken, was uns im Alltag helfen kann, die eigene Balance zu wahren

  1. Fähigkeit der Selbstregulation präventiv trainieren wie einen Muskel

Selbstregulation ist so individuell, wie jeder Mensch. Sie entscheidet in guten wie in schlechten Zeiten darüber, wie wir uns fühlen und wie schnell wir wieder im Gleichgewicht sind.

Dabei gilt: Was dem einen guttut und z.B. Stress abbaut, ist für den anderen überhaupt nicht hilfreich. Die Ansätze der Psycho-Neuro-Immunologie, die u.a. die Stressregulation im Zusammenspiel von Immunsystem, Nervensystem und psychischen Faktoren wissenschaftlich untersucht, zeigt, dass es viele Wege gibt, die eigene Regulationsfähigkeit zu unterstützen.

Nur ein paar Auszüge dazu:

  • Darmgesundheit und eine ausgewogene, möglichst naturbelassene Ernährung unterstützen die sogenannte Darm-Hirn-Achse und verringern Entzündungen im Körper. Es gilt die Regel: Du bist, was Du isst.
  • Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns kann gezielt trainiert werden, z.B. durch stressreduzierende Atemtechniken, durch Kreativtechniken, motorisches Training oder sensorische Reize. Das heißt: auch das Gehirn kann lebenslang Ressourcen aufbauen und lernen, damit herausfordernde Situationen immer besser gemeistert werden können.
    Und da es Gewohnheiten liebt, schaden regelmäßige, neue Impulse nicht, um die Regulationsfähigkeit zu trainieren.
  • Stressreaktionen gibt es tagtäglich: es ist die Kunst herauszufinden, wo die persönlichen Stressoren liegen und was am besten dagegen hilft. Regelmäßige Aufenthalte in der Natur liegen dabei ganz vorne auf der Empfehlungsliste – und die gibt’s ohne Aufwand gratis.
  • Schlafgewohnheiten, Genussmittel, Konsum digitaler Medien, Lebensphasen (Stichwort Pubertät, Menopause, Andropause) und viele Faktoren mehr, gehören mit zu den Hebeln, die eine persönliche Regulationsfähigkeit ausmachen.

  1. Unmittelbares Verarbeiten von unangenehmen Situationen
    Ich halte es für sehr viel gesünder, der Enttäuschung, Wut, Trauer, Ohnmacht und was alles in dem Moment an Gefühlen da ist, Raum und Zeit zu lassen. Und bei Bedarf auch dem Körper die Zeit für Selbstregulation und Ruhe. Das ist nicht immer leicht, aber über die Langstrecke eines Lebens gesehen, der effizientere Weg. Ablenkung in solchen Phasen ist gut, um mit negativen Gefühlen umzugehen, ist gut, eine Verdrängung wäre dauerhaft kontraproduktiv.

  2. Fähigkeit zur Selbstannahme entwickeln

Die schwierigere Übung ist das Annehmen einer Situation, die sehr unangenehm ist. Und damit auch das „Ja“ zu sich selbst – v.a. vielleicht dann, wenn zugleich die Einsicht kommt, dass man selbst die Situation verantwortet.
Das heißt eben nicht, dass man in dem Moment alles durch die rosa Brille mit der Selbstbestärkung „Das wird schon wieder“ sehen muss. Sondern dass man sich ehrlich eingesteht, dass z.B. Fehler gemacht wurden, die Kräfte gerade nicht reichen oder Pläne nicht mehr realisiert werden können.
Das hilft, den zugehörigen Emotionen freien Lauf zu lassen und Mitgefühl mit sich selbst zu haben – um dann den Kopf freizubekommen für die nächsten, nötigen Schritte.

  1. Um Hilfe bitten, wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen
    Auch das ist ein Wesenszug, der vielen schwerfällt. Es ist ein Qualitätsmerkmal zu wissen, wo die eigenen Grenzen und Schwächen liegen und sich im persönlichen oder professionellen Umfeld Hilfe zu suchen, wenn die eigenen Copingstrategien nicht reichen. Wer das nicht auf die lange Bank schiebt, sondern in schwierigeren Zeiten schnell zu nutzen weiß, überwindet rascher das Tal. Und stärkt die Beziehungen.

Insofern meine Empfehlung: Weniger Druck bei der Suche nach den ultimativen good vibes im Außen führt automatisch zu den eigenen Stärken im Innen. Denn auf die Fähigkeit, immer wieder rasch in Balance zu finden, kommt es dann.

 

*Buchtipp zum Thema:

Whitney Goodman:
Toxic Positivity - Wie wir uns von dem Druck befreien, immer glücklich sein zu müssen (Droemer Knaur Verlag)

Quellen

Bildnachweis: privat

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